Britannien – vom Big Player zum Inselstaat?

Exit vom Brexit?


Das war eine historische Niederlage. Seit fast hundert Jahren, genauer seit dem Jahr 1924, gab es im britischen Parlament keine so empfindliche Schlappe mehr für die Regierung, wie an diesem denkwürdigen Dienstagabend. Mit einer überwältigenden Mehrheit von 432 Stimmen votierte das Unterhaus gegen den von Theresa May mit der Europäischen Union ausgehandelten Brexit-Deal, den Vertrag, der geordnete Rahmenbedingungen für den EU-Austritt Großbritanniens regeln sollte. Nun wird die Zeit knapp und ein ungeordneter Brexit immer wahrscheinlicher. Wenn die Regierung nicht bald eine mehrheitsfähige Lösung findet, endet am 29. März die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU ohne Deal und damit auch ohne Übergangsfrist. Ein Schreckensszenario – nicht nur für die Briten, auch für die Europäische Union.

Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Formal hätte das Unterhaus zwar noch bis zum 31. Januar Gelegenheit, über den von Theresa May vorgestellten „Plan B“ abzustimmen. Allerdings hat die Premierministerin in ihrer jüngsten Rede erwartungsgemäß durch Ideenlosigkeit geglänzt. Wo hätten auch derart markante Verbesserungen der Vereinbarung herkommen sollen, dass ein neuer Deal ernsthafte Erfolgsaussichten im Parlament haben könnte. Die EU hat jedenfalls kein gesteigertes Interesse, mit weiteren Zugeständnissen den Austritt Großbritanniens schmerzfrei zu gestalten und so einen Präzedenzfall zu schaffen, der das ohnehin leicht entzündliche Gemisch in den EU-kritischen süd- und osteuropäischen Ländern zur Explosion bringen könnte.

Das Horrorszenario eines harten Brexits am 29. März 2019 wird nun wieder durchkonjugiert: stillstehende Produktionsstätten, fehlende Medikamente, ein Zusammenbruch des grenzüberschreitenden Verkehrs, Chaos in Irland und ein Einbruch der Finanzmärkte. Die meisten dieser Sorgen sollten durchaus ernst genommen werden. Und weil alle Beteiligten um die enormen politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Risiken dieses Szenarios wissen, kann es keiner wirklich darauf ankommen lassen wollen. Sehr viel wahrscheinlicher als ein harter „No-Deal-Brexit“ ist deshalb, dass der Austrittstermin für einige Monate verschoben wird und zudem Einzelabkommen für eine Übergangsphase getroffen werden, um das befürchtete Chaos zu verhindern. Gerade die deutliche Ablehnung des mühsam ausgehandelten Deals hat die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass es zu einem zweiten Referendum kommen könnte, bei dem die Briten sich für die EU und gegen einen Brexit aussprechen werden. Natürlich überwindet eine erneute Volksabstimmung keine gesellschaftliche Spaltung, aber es würde helfen, ein klareres Bild zu bekommen. Eine, wenn auch wohl eher knappe Mehrheit für einen Verbleib Großbritanniens in der EU könnte vielleicht mehr zur gesellschaftlichen Stabilisierung beitragen als ein ungeregelter Brexit.
Der tiefe Spalt, der sich durch die Bevölkerung zieht, aber auch die Tatsache, dass nach 18 Monaten Verhandlung mit der EU im Parlament keine mehrheitsfähige Vereinbarung getroffen werden konnte, zeigt doch mehr als deutlich, dass große Teile der britischen Bevölkerung – und offenbar auch der Abgeordneten – noch immer nicht in der Realität angekommen sind. Zu sehr wurde beim Thema Brexit polemisiert statt argumentiert. Zu tief eingebrannt haben sich die Propaganda-Lügen eines Nigel Farage oder eines Boris Johnson, die vorgaukelten, mit einem EU-Austritt das Joch der EU abschütteln zu können, ohne zugleich auch die Vorzüge aufgeben zu müssen.

Als die Briten 2016 denkbar knapp für einen Ausstieg aus der EU stimmten, waren auch die geopolitischen Rahmenbedingungen noch anders. Mit den USA als berechenbarem Partner glaubten die Engländer, sich den Bruch mit der EU leisten zu können. Nun regiert ein unberechenbarer, national-egozentrisch denkender Donald Trump im Weißen Haus und Großbritannien sieht sich nach einem Brexit mehr und mehr isoliert. Auch unter diesem Aspekt glaube ich, dass ein erneutes Referendum diesmal für einen Verbleib in der EU ausfallen würde.

Es hätte alles gar nicht soweit kommen müssen, und ich persönlich bin enttäuscht von Theresa May. Sie hatte als frühere Brexit-Gegnerin im Wahlkampf vor dem Referendum keine Propagandalügen verbreitet und hätte damit beste Voraussetzungen gehabt, ihre Landsleute ohne Glaubwürdigkeitsverlust frühzeitig mit der harten Wahrheit zu konfrontieren, dass der Brexit mit Opfern verbunden ist. Sie hätte auf diese Weise Mehrheiten finden und ein vorbereitetes Großbritannien geordnet und klug aus der EU herausführen können. Stattdessen hat sie einen Politik-Hasardeur wie Boris Johnson zum Außenminister und sich seine Strategie zu eigen gemacht, dem Volk vorzugaukeln, alles gleichzeitig haben zu können: die volle Kontrolle über die Zuwanderung, totale Freiheit für neue Handelsverträge mit aller Welt, dazu die Vorteile der früheren EU-Mitgliedschaft. Und natürlich keine harte Grenze zwischen Nordirland und Irland, auch wenn bis heute niemand weiß, wie das gehen soll, wenn Großbritannien zugleich die EU-Zollunion verlässt.

Gerade für Deutschland wäre es aus mindestens zwei Gründen von Vorteil, wenn der Brexit noch abgewendet werden könnte: Großbritannien ist bisher ein großer Beitragszahler in die EU und man kann sich unschwer ausmalen, wer den Löwenanteil des entstehenden Finanzlochs im Falle eines Brexit stopfen muss. Des weiteren waren die Briten immer ein wichtiger Partner bei den Reformen der Europäischen Union, Verfechter von wirtschaftlicher Integration, offenen Märkten und Globalisierung – also Prioritäten, die für kaum ein Land so wichtig sind wie für den Exportweltmeister Deutschland.

Das überraschende Brexit-Referendum der Briten und die in den 2 ½ Jahren seither gesammelten Erfahrungen haben einerseits den Wert der EU deutlich gemacht, aber andererseits Europa auch wachgerüttelt: die immer noch mögliche Wende hin zu einem Exit vom Brexit könnte ein klarer Auftrag zur Reform der EU sein.

Die Finanzmärkte lieben Berechenbarkeit. Gerade das hat Europa derzeit nicht zu bieten, und die jüngste Abstimmungsniederlage erhöht nochmals die Unsicherheit an den Märkten. Das größte Risiko besteht wohl darin, dass sich Regierung und Parlament nicht über die weiteren Schritte einigen können. Schließlich sind es keine 10 Wochen mehr, bis zum 29. März, dem markanten Datum, an dem Großbritannien ohne Abkommen, aber umrahmt von heftigen Turbulenzen aus der EU austreten würde.

Der Brexit wird uns also noch eine Weile beschäftigen, aber auch der Shutdown in den USA, der Slowdown in China und geopolitische Risiken lassen künftig eher volatile Märkte, also größere Börsenschwankungen erwarten. Ein Umfeld, in dem aktives Depot-Management, wie wir es aus Überzeugung leben, mehr denn je von Bedeutung ist. Alleine die Börsenentwicklung der letzten Wochen, der Rücksetzer um Weihnachten und nun die sprunghafte Erholung, hat einmal mehr all jene abgestraft, die im Glauben, den Markt vorhersehen zu können, vermeintlich „oben“ ausgestiegen sind und „unten“ wieder einsteigen wollten.

Aktives Management hat nichts mit Glaskugel lesen oder Aktionismus zu tun. Aktives Management verfügt aber über die Flexibilität, zwischen attraktiven Vermögensklassen, Regionen, Sektoren und Unternehmen wechseln zu können. Aktives Management bedeutet, aus der Vergangenheit zu lernen und sich mit Blick in die Zukunft vorausschauend zu positionieren. So können Chancen genutzt und Risiken reduziert werden.

Während Index-ETF´s Schwankungen einfach nur aussitzen, nutzen wir Kursrücksetzer für gezielte Verbilligungskäufe in profitable, unterbewertete Unternehmen mit krisensicheren Geschäftsmodellen. So profitieren unsere Kunden langfristig vom Auf und Ab der Börsen.

Herzliche Grüße aus Offenburg

Ihr

Rainer Laborenz

2019-07-29T15:59:23+00:00